Quo vadis

 

Ein Artikel für keine Outdoor-Zeitschrift

Die Zeichen der Zeit

Eine wegweisende Entwicklung

Vom christlichen Pfad der Tugend zu den fernöstlichen Wegen zur Glückseligkeit und zurück, vorbei an römischen Meilensteinen zur GPS basierten Navigation unserer Zeit. Die Fragen: „Wo gehen wir hin?“, „Bewegen wir uns auf dem richtigen Weg?“ und selbstverständlich: „Sind wir bald da-ha?“ scheinen den alten Wanderaffen Mensch auf Schritt und Tritt zu beschäftigen.

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Sieht aus wie ein Ritter vom Nie, ist aber ein Wegweiser Typ „Eiserne Hand“. Deutlich zu erkennen: Rechts geht’s nach rechts, links in die andere Richtung.

Und nirgendwo sonst werden derart existentielle Fragen des Seins so unumwunden und vielfältig beantwortet wie auf den Wegweisern unserer wanderbaren Mittelgebirge, wo man den wortwörtlichen Wald angesichts des sprichwörtlichen Schilderwalds oft fast aus den Augen verliert. Hier stellt sich dem Betrachter dann abermals eine Frage „Wo fing das an und wann?“

Die Wanderhuren und ihre mittelalterlichen Weggefährten – Söldnerheere, apokalyptische Reiter, Schattenwölfe – müssen es schwer gehabt haben. Der Wald ihrer Zeit war voll von Irrlichtern, Irrsteinen, Irrkräutern, -gräsern, -wurzen und Irrwischen, dafür aber weitgehend frei von Wegweisern. Nur hier und da hatte ein freundlicher Rittersmann wegweisende eiserne Hände montiert. Eine ausweglose Situation? Nein, denn irgendwann erreichte der Mensch trotz aller Orientierungsprobleme den Ausgang aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Der Dichter Johann Gottfried Seume brach auf zu seinem „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ und prägte die Direktive: „Wo man singt, da laß‘ dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.“ Heinrich Heine durchstreifte den Harz, wo er feststellte: „Man schlägt immer Seitenwege und Fußsteige ein, und glaubt dadurch näher zum Ziele zu gelangen. Wie im Leben überhaupt, geht’s uns auch auf dem Harze.“ Goethe schickte Faust zum Osterspaziergang, seinen Wilhelm Meister gleich auf eine mehrjährige Wanderung und textete den Slogan: „Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert.“ Angefeuert von derart großgeistigen Testimonials, machte sich die Hip Crowd der Aufklärung, das Bürgertum, auf, um Felder, Wiesen und Auen zu durchstreifen. Das Wandern war geboren. Logistisch unterstützt wurde das Ganze von sogenannten Wegzeigern. Diese wurden seit dem frühen 18. Jahrhundert überall in deutschen Landen auf hochobrigen Erlass aufgestellt. Ihr Design erinnerte an die eisernen Hände des Mittelalters, Hände oder ganze Arme mit ausgestreckten Zeigefinger, wobei man aber Holz als Werkstoff nutzte. Leider machte sie das oft anfällig für die Zerstörungswut eigenbrötlerischer Dörfler, die wenig Wert auf Besuch legten und die Schilder kurzerhand zerstörten. Ob sie dabei aus Furcht vor Wanderhuren und Schattenwölfen handelten oder einfach keine Lust auf zeitgenössische Dichter verspürten, bleibt im Nebel der Geschichte vergessen.

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Me1 gegen Me1, Alpha-Ego vs. Alpha-Ego. Selten wurde Jungs Dualismus so auf den Punkt gebracht wie vom Verschönerungsverein unterer Westerwald.

 

Bis in die Gegenwart präsent ist hingegen das Resultat des nächsten Schritts auf dem Weg zum modernen Wegweiser: Der Pfeil. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts verdrängte dieser archaische Verweis auf längst veraltete Waffentechnik die mit dem Finger in eine Richtung deutenden Hände von Säulen und Pfosten.

Wie konnte ein praktisch veraltetes Artefakt symbolisch modern werden? Für die Benatwortung dieser alltagsnahen Frage hält die Kulturanthropologie gleich mehrere Erklärungen bereit. Zunächst einmal ist ein Pfeil-Schild leichter herzustellen als eine Hand-Imitation. Das liegt auf der Hand. Etwas mehr Glauben verlangen die Ansätze, die im Primat des Pfeiles die Abkehr von der menschlichen Kommunikationssituation im Rahmen einer kulturkapitalistischen Selbstentfremdung a la Marx oder sogar ein soziales Kriegszeichen erkennen, dessen aggressive Spitze als Bedrohung der ausgebeuteten Klasse zu verstehen sei. Darüber kann man als Che-Guevara-T-Shirt tragender Berufsjugendlicher ruhig mal nachdenken, wenn man lammgleich den Pfeilen zum nächsten Nonkonformisten-Festival folgt. Muss man aber nicht.

Zurück in der Gegenwart trifft einen der Pfeil ganz im Zeichen der postmodernen Entwicklungen Diversifizierung und Differenzierung: Da gibt es Wege für Wanderer und solche für Walker, Pfade für Pferde, Routen für Radler, Steige für Spaziergänger und Trails fürs Trekking. Das Ganze ist zu multiplizieren mit einer nicht zu beziffernden Zahl von Schildurhebern auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene. Dass man als Outdooraktivist der neuen Generation, als 21st century digital boy, zudem auch noch ständig zwischen GPS und Smartphone hin- und herschauen muss, führt den Begriff der Orientierung endgültig ad absurdum.

Vielleicht ist es an der Zeit das Pfeil gewordene Gängelband unserer Orientierungssucht abzulegen und in die andere Richtung zu gehen. Das einzige Problem dabei könnte sein, einen Weg zu finden, in dessen Richtung kein Pfeil weist.

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Gestalttherapie der forensischen Psychiatrie oder Kevins Mal-Ecke? Der Ursprung mancher Logos bleibt ebenso ungewiss wie ihre Bedeutung.

 

 

2015 – Wo bitte geht’s zum Weg?

Eine kleine Typologie der Richtungsanzeiger:

 

Der Klassiker

Ein Brett, dessen rechte oder linke Seite sich zur richtungsangebenden Spitze verjüngt, etwas schwarze Farbe, um Ortsnamen und Entfernung in Kilometern darauf zu pinseln, und fertig ist er: Der Wegweiser in seiner einfachsten Form, dessen intuitiv erfassbare Nutzeroberfläche Wanderpuristen bis heute leitet.

 

Das schöne Schild alter Schule

Ob kunstvoll geschnitzt oder mittels Lötkolben gebrandet, repräsentiert dieses stets aus Holz bestehende Schild die Urtümlichkeit deutscher Waldromantik. Fernab von EU-Normierungstendenzen sitzen pensionierte Forstwirte an langen Winterabenden in ihren Hobbykellern, um im Frühjahr Follower zu besonders schönen Orten ihrer Heimat zu lotsen.

 

Flottenmanöver

R2, MK5 oder RÜ7. Bei diesen kryptischen Wegmarken handelt es sich vermutlich um ein Relikt aus dem kalten Krieg. Denn ohne einen Blick auf das in der Gemeindeverwaltung (Öffnungszeiten Mo. –Di. 0930- 1200) erhältliche Faltblatt „Rundwanderwege in der Gemarkung Kleinkleckersdorf“ hätten Invasoren vielleicht die Fulda Gap durchqueren können, hätten sich aber dann in den Mittelgebirgen hoffnungslos verirrt und wären dem Wahnsinn anheimgefallen.

 

Der Steig

Den jüngsten Spross am mittelgebirgigen Schilderstammbaum bilden die Steige. Die grafische Schaffenshöhe ihrer Logos schwankt dabei wie ein Rheinsteigwanderer in der Drosselgasse von Rüdesheim. Zu finden sind diese – die Logos, nicht die Wanderer – auf standardisierten Metallschildern und als hippe Schablonengraffitis a la Banksy. Folgt man ihnen, trifft man meist auf die aktuelle Globetrotter-Kollektion.