Fakten

Fühlen Sie sich unwohl?

Ein Impferlebnisbericht

Ich betrete das Impfzentrum Koblenz über einen rosa Klebebandpfad. „Fühlen Sie sich unwohl oder dehydriert? Sprechen Sie uns an!“ So steht es dort auf an die Wände gepinnten DIN-A4-Zetteln. Es sind viele, aber ich sehe niemand, der irgendjemand anspricht. Bin ich denn der Einzige, der sich hier unwohl fühlt? Der Einzige, bei dem der Gedanke Unwohlsein hervorruft, sich einen erstaunlich schnell zusammengeschusterten und vollkommen neuartigen mRNA-Impfstoff injizieren zu lassen, um den schweren Verlauf einer ebenfalls vollkommen neuartigen Krankheit zu vermeiden, die Millionen Menschen tötete und tötet und deren Ursprung entweder in einem James-Bond-Bösewicht-Labor oder einer seit jeher mit Vampiren und anderen dunklen Mächten in Verbindung gebrachten Fledermaus liegt? Na wenigstens fühle ich mich vollkommen ausreichend hydriert. Daher nehme ich dann auch Abstand davon, einen der blaubewesteten Impfzentriker anzusprechen und ihm mein Unwohlsein mitzuteilen. Die Impfzentriker, die ohne blaue Westen herumlaufen dürfen und ihrer Autorität lediglich qua Gesichtswichtigkeit, Nackenbreite, Tattoos und angeklippten Funkgerät repräsentieren, sind vermutlich Vertreter einer durch die Pandemie fast ausgelöschten Gattung: Konzertordner. Glücklicherweise fanden sie auch in der Covid-Ära ihre ökonomische Nische, schließlich lockt so eine Pandemie – ein Blick ins TV genügt – wesentlich mehr Verrückte aus ihren Höhlen als jede Musikveranstaltung – Technoraves einmal ausgenommen.

Apropos Konzerte und verrückte Zeiten: Das letzte Mal besuchte ich die CGM-Arena, die heute das Impfzentrum beherbergt, vor fast 30 Jahren. Damals hieß sie einfach Sporthalle Oberwerth – mein Gott, was hatten Veranstaltungsorte früher für klassisch schöne, schlichte Bezeichnungen. Auf der Bühne, von der ich damals mehrfach ins Publikum sprang und darum von einem der Vorfahren der heute hier aktiven Ordner zur Ordnung gerufen wurde, stand: Faith No More. Ja, auch wenn man das nicht lesen kann – mein TH ist unwürdig, und weil ein Autor alles darf, heißt die Band von nun an: Hope No More.  Hope No More – na wenn das mal kein rückblickend gesehen zynischer Schicksalswink mit dem Zaunpfahl war. Fühle ich mich deshalb unwohl? Nein, geht schon.

Und nach einem etwa zehnminütigen Aufenthalt in der Wartezone geht es auch schon weiter. Zusammen mit meinen Impfgenossen, mit meinen Covidkameraden, ich meine, mit den etwa zwölf Menschen, die auch geimpft werden, geht es in den nächsten Raum, wenn man ein Viereck aus Stellwänden ohne Decke Raum nennen möchte. Hier informiert eine Ärztin über Wirkweise und Nebenwirkungen des Impfstoffs Comirnaty, dessen Hersteller Biontech übrigens in der goldenen Stadt Mainz in der Straße „An der Goldgrube“ residiert. Auch hier zeigt sich der eigenwillige aber darum nicht weniger komische Humor des Schicksals. Die akademische Flughöhe der Vorimpfinformationen bewegt sich irgendwo zwischen „Sendung mit der Maus“ und „Checker Tobi“, d.h. für mich viel zu detailliert. Die Negative Meinungsfreiheit sichert das von vielen Menschen viel zu selten genutzte Recht, einfach mal die Klappe zu halten und nichts zu sagen. Angesichts der von der eigentlich sehr sympathisch gelassen wirkenden Ärztin in Aussicht gestellten „gut zu behandelnden“ Herzmuskelentzündung, wünsche ich mir eine negative Informationsfreiheit und versuche, ganz laut an etwas anderes zu denken, zum Beispiel darüber, was eigentlich aus Hope No More geworden ist.

Irgendwann endet der Packungsbeilagenvortrag dann und wir, der stolze Jahrgang 15.7.13:30, dürfen einzeln nach vorne treten, wo die Ärztin unsere Unterlagen unterschreibt und stempelt und dabei für Fragen zur Verfügung steht. Weil mir keine bessere Frage einfällt, frage ich lediglich um mein sozial erwünschtes Involvement zu belegen, ab wann denn mit Nebenwirkungen zu rechnen sei, bemühe mich dabei um einen absolut ununwohligen Maskengesichtsausdruck und überlege nach der Antwort, was ich in den letzten sechs Stunden meines Lebens, die ich mit einem gesunden Herzen verbringen darf, so anfangen soll. Die Kinder brauchen Sandalen.

Weiter geht’s zum nächsten Warteraum, den ein Großteil meiner Gruppe ohne Wartepause durchläuft, nur ich, der Esel, und zwei andere bleiben übrig und müssen warten, „bis neuer Stoff aufgezogen ist“, wie uns eine Blauweste informiert. Seltsamerweise will sich auch in der dezimierten Schar kein Korpsgeist einstellen und wir starren gemeinsam einsam auf den Bildschirm mit Informationen in einer Sprache, die wir – also ich zumindest – nicht sprechen und denken an Orwell – also ich zumindest. Was soll das nur werden, wenn wir uns alle in fünf Wochen zur Zweitimpfungsreunion wiedersehen? Bislang hält sich der Stoff für Weißtdunochanekdoten in überschaubaren Rahmen.

An den Wänden hängt ein kinderhandgemaltes Bild mit einer kinderhandgekrakelten Zeile Erwachsenenpropaganda „Der Sturm wird stärker. Das macht nichts. Wir auch!“ Irgendwann dann heißt es „Jetzt geht’s los!“ Ich denke an Fallschirmjäger am D-Day, erfasse ein im Vorbeigehen zugerauntes „Kabine 2“ und verkneife mir ein „Geronimo!“ Ist dies mein persönlicher Heldenmoment? Zu Beginn der Pandemie wurde ja jeder zum Helden deklariert, der nicht gerade mit chinesischen Schuppentieren um sich warf. Und nun stehe ich kurz davor, die Gesundheit meines Herzens womöglich auf dem Altar der Volksgesundheit darzubringen. Fanfaren? Medaillen? Klatschende Nachbarn? Nichts. Dafür eine Ärztin, deren Eltern sich womöglich bei Hope No More an diesem Ort kennenlernten, sich dann aber zehn Jahre aus den Augen verloren, um schließlich doch dieses medizinstudierte Kind zu zeugen. Kurz überlege ich, ob ich auf Mittzwanziger in dem Maße alt wirke, in dem sie mir jung erscheinen und ob ich nicht doch auf die Impfung verzichten soll, wegen Hope No More und so. Aber wieder einmal schlägt mir die Zeit ein Schnippchen: Es ist zu spät. Moderne Medizinfrauen beherrschen offenbar den schmerzlosen Stich und 0,3 Milliliter Impflösung machen sich auf den Weg in meine Blutlaufbahn. Um mich vor einem schweren Verlauf zu schützen. Um mir womöglich eine „gut zu behandelnden“ Herzmuskelentzündung zu bescheren und eventuell, eines hoffentlich fernen Tages – da müssen die da oben uns das Gegenteil erstmal beweisen – meinen Rüpel in eine Wasserpfeife zu verwandeln.

Ob die Spezialisten des Robert Koch-Instituts wohl an Andy Warhol dachten, als sie verfügten, dass man als frisch gespritzter Impfheld seinen frisch gewonnenen Ruhm erst einmal 15 Minuten im Beobachtungsraum zu genießen hat? Ich ignoriere die Handyverbotsschilder, die der Frage nach Unwohlsein und Dehydrierung zahlenmäßig fast den Rang ablaufen, und vergewissere mich online, dass ich in den letzten beiden Jahrzehnten hinsichtlich guter Musik von Hope No More nichts verpasst habe. Der Name ihres letzten wirklich guten Albums aus dem Jahr 1995 lautete „King for a Day  … Fool for a Lifetime“. Ich frage mich, ob schicksalsschwere Bedeutungsschwangerschaft wohl zu den offiziellen Nebenwirkungen von Comirnaty zählt, vertreibe die letzten Anflüge von Unwohlsein und verlasse das Impfzentrum auf einem blauen Klebebandpfad in Richtung Sandalengeschäft.